Kein Leichtsinn bei Herzmuskelentzündungen

Es war Anfang Januar, als René Herms leblos von seiner Schwiegermutter in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Der 26-Jährige starb an einer beidseitigen, virusbedingten Herzmuskelentzündung. Tags zuvor hatte René Herms noch sein tägliches Training absolviert, war top-fit und im besten Alter. Was ist das Gefährliche an Herzmuskelentzündungen? Wie können sich Athleten vor Herzmuskelentzündungen schützen?

Annika Schmitt (links; LG Rhein-Wied) siegte bei der WDM über 60 Meter Hürden (Foto: <a href="http://www.leichtathletik-foto.de/" target="_blank">Wolfgang Birkenstock</a>).

Annika Schmitt (links; LG Rhein-Wied) siegte bei der WDM über 60 Meter Hürden (Foto: <a href="http://www.leichtathletik-foto.de/" target="_blank">Wolfgang Birkenstock</a>).

René Herms verstarb im Januar (Foto: <a href="http://www.leichtathletik-foto.de/" target="_blank">Wolfgang Birkenstock</a>).

René Herms verstarb im Januar (Foto: <a href="http://www.leichtathletik-foto.de/" target="_blank">Wolfgang Birkenstock</a>).

Immer wieder sterben Hochleistungssportler völlig unerwartet an einem plötzlichen Herztod. Im Juni 2003 brach der kamerunische Fußballspieler Marc-Vivien Foé während der Halbfinal-Begegnung des Confederation-Cups zwischen Kamerun und Kolumbien in Lyon (Frankreich) zusammen. Allen Reanimationsversuchen zum Trotz starb Marc-Vivien Foé noch auf dem Platz. Er war gerade einmal 28 Jahre. Im November 2007 erschütterte der Tod des Marathon-Läufers Ryan Shay die Leichtathletik-Welt.

Der US-Amerikaner war bei den US-Trials im Marathon in New York (USA) beim Versuch, sich für die Olympischen Spiele in Peking (China) zu qualifizieren bei Kilometer 9 zusammengebrochen und starb sofort. Der Grund: Plötzlicher Herzstillstand. Auch Ryan Shay war gerade mal 28 Jahre alt, trainierte täglich zweimal, rauchte nicht, trank keinen Alkohol, lebte gesund. Gut ein Jahr nach dem Herztod Ryan Shays, hat auch die deutsche Leichtathletik einen Trauerfall zu beklagen. Mittelstreckler René Herms starb am 10. Januar an einer beidseitigen Herzmuskelentzündung, ausgelöst durch eine Herpes-Infektion.

PAPS-Test für Breitensportler

Eigentlich gilt Laufen und Ausdauersport generell als gesundheitsfördernd, insbesondere was das Herz-Kreislauf-System anbelangt. Dennoch kommt es bei Lauf-Veranstaltungen immer wieder zu Herz-Toden. Aufgrund der zahlreichen Todesfälle bei Lauf-Veranstaltungen im Jahr 2007 entwickelten führende Sportmediziner sowie Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ein Konsenspapier, um Läuferinnen und Läufer besser über Gesundheitsrisiken aufklären zu können.

Seit Januar 2008 wird bei Online-Anmeldungen zu Lauf-Veranstaltungen mittels eines international validierten Fragebogens eine qualifizierte Abschätzung von Gesundheitsrisiken durchgeführt. Je nach Ergebnis der Auswertung des sogenannten PAPS-Testes (Persönlicher Aktivitäts- und Präventions-Screening-Test) wird eine ärztliche Konsultation empfohlen.

Alle Menschen sind gleich betroffen

Dennoch schwebt die Gefahr immer mit. Das Tückische an einer Herzmuskelentzündung ist, dass sie sehr schwer zu diagnostizieren ist. "Selbst eine Biopsie, also eine Entnahme von Bindegewebe aus dem Herzmuskel kann unter Umständen einen negativen Befund haben, obwohl eine Herzmuskelentzündung vorliegt", sagt Dr. Uwe Wegner, der leitende Mannschaftsarzt des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Dabei sind Sportler nicht mehr von Herzmuskelentzündungen gefährdet als Nicht-Sportler. "Jeder Mensch hat etwa 90 Prozent Herpes-Viren in seinem Körper. Das ist kein Problem, so lange nicht eine bakterielle Entzündung eintritt. Passiert dies, braucht der Körper Ruhe." Und genau da liegt der Unterschied zwischen Spitzensportlern und Hobby- bzw. Nicht-Sportlern. "Ein Spitzensportler verheimlicht schnell mal dem Arzt Symptome und beschreibt sein Befinden besser als es eigentlich ist, da er möglichst schnell wieder trainieren will. Ein Nicht-Sportler hingegen beschreibt zumeist alle Symptome ganz genau, da er eher noch ein wenig länger krankgeschrieben werden will", sagt Dr. Uwe Wegner.

Sportler gehen oft zu leichtsinnig mit Erkältungen um

Einer der Hauptgründe, warum Menschen oft an Herzmuskelentzündungen sterben, ist der Leichtsinn im Umgang mit Erkältungen. "Viele Sportler nehmen das auf die leichte Schulter und trainieren einfach weiter", sagt Dr. Uwe Wegner. "Bei Fieber gilt striktes Sportverbot und auch bei Erkältungen sollte man Herz-Kreislaufbelastungen meiden."

Der Betroffene selbst merkt unter Umständen gar nicht, dass er von einer Herzmuskelentzündung betroffen ist. "Anzeichen für eine Herzmuskelentzündung ist ein hoher Ruhe- und Belastungspuls oder wenn man sich oft schlapp fühlt", sagt Dr. Uwe Wegner. Ist erst einmal eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert worden, dann gilt absolutes Sportverbot und völlige Ruhe für einen unbegrenzten Zeitraum. "Das kann Wochen, aber auch Monate dauern. Auf jeden Fall muss zur Kontrolle ein wöchentliches EKG, Echogramm und auch ein Langzeit-EKG gemacht werden", sagt Dr. Uwe Wegner. Medikamente, die die Heilung beschleunigen, gibt es hingegen nicht.

Regelmäßige Pulskontrolle schützt

Wer es erst gar nicht zu einer Herzmuskelentzündung kommen lassen will, für den hat Dr. Uwe Wegner einen einfachen, aber wirksamen Tipp: "Jeden Morgen und nach jeder Belastung den Puls testen und vergleichen. Ist er höher als normal, sofort Sport meiden und zum Arzt gehen." Doch das machen nur wenige, dabei ist es, wie Dr. Uwe Wegner betont, simpel und schnell.

"Man braucht nur seine Hand auf den Hals zu legen, eine Uhr und schon hat man alles, was nötig ist. Ich verstehe nicht, warum dies nur so wenige Menschen tun." Tritt eine Herzmuskelentzündung ein und wird diese nicht bemerkt, können die Folgen tödlich sein. "Man braucht dazu gar keine großen Belastungen. Häufig kippen die Menschen einfach im Stehen oder Sitzen um, so wie das auch bei René Herms der Fall war", sagt Dr. Uwe Wegner.